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Minuszinsen - Können Sparer auf ein baldiges Ende hoffen?

Sparer leiden seit mehreren Jahren unter Null- oder sogar Negativzinsen. Das trifft vor allem natürlich Unternehmer, die sich entweder bereits im Ruhestand befinden, oder aber für den Ruhestand sparen. Während sichere Anlagen früher immer mindestens 2 - 3% über der Inflationsrate lagen (die Älteren von uns erinnern sich), ist dies seit etwa 3/4 Jahren nicht mehr die Norm.

Nicht nur, dass es nicht mehr genügend Zinsen gibt, um die "normale" Teuerung von rund 1,5% p.a. auszugleichen, mittlerweile verlangen viele Banken sogar Strafzinsen (meist 0,5% und bereits ab 100.000 €). So führen Inflation und Negativzins vereint zu einem sicheren Wertverlust von rund -2% pro Jahr!

Bevor wir jedoch einen Blick in die Zukunft wagen, schauen wir uns erst einmal an, warum das überhaupt so ist:

 

Nie wieder Hyperinflation!

So lautete der stark vereinfachte Schlachtruf der Bundesbank nach den Erfahrungen der 1920er Jahre, als zur Finanzierung der Kriegsschulden - und unter Folge gigantischer Inflationsraten - massenhaft Geld gedruckt wurde:

InflationQuelle: PlanetWissen.de von Von Gregor Delvaux de Fenffe (Zugriff 24.2.2021)

Aber auch die 1970er und 80er Jahre zeigten hohe Inflationsraten von bis zu 7%, wenngleich es sich hierbei nicht um Hyperinflation handelte. 

Um die Inflation zu bekämpfen oder zumindest unter Kontrolle zu halten, muss die Menge des sich in Umlauf befindlichen Geldes begrenzt werden. Hierfür gibt es zwei Möglichkeiten:

1. Nur wenige neue Banknoten werden gedruckt, oder

2. das vorhandene Geld muss sich möglichst wenig im Umlauf befinden.

Punkt 2 geschieht, indem man hohe Zinsen festlegt und damit das Sparen gegenüber dem Ausgeben attraktiver macht. Diesen Weg ist zunächst die Bundesbank bis zu ihrer "Entmachtung" durch die Einführung des Euros gegangen. Seitdem ist die Europäische Zentralbank (EZB) für Zinsen und Geldwertsteuerung zuständig und ist (bis vor kurzem) diesen Weg ebenso konsequent gegangen.

Aus diesem Grund konnten sich Sparer bis zum Jahr 2000 über sichere Zinsen von 5% bis sogar 10% freuen!

 

Seit der Übernahme der  EZB geht es bergab

Das ist zwar faktisch richtig, denn die Zinsen sinken seit 2000 beständig ab, allerdings handelt es sich hierbei - es sei denn man ist Populist - um eine völlig unzulässige Verkürzung.

Zum einen wird die Geldmengensteuerung immer schwieriger. Einfach weniger Geld zu drucken bringt wenig, wenn selbst die Deutschen als notorische Bargeldliebhaber mittlerweile weniger als die Hälfte ihrer Einkäufe bar zahlen - Tendenz deutlich fallend! Dazu kommen noch Faktoren wie Kryptowährungen, Geldschöpfung durch Kreditausgabe von Nichtbanken, und und und...

Aber viel wichtiger: Wenn alle Leute ihr Geld sparen, anstatt zu konsumieren, können viele Firmen bald schließen, da niemand ihre Produkte kauft! Und falls Sie vom B2B-Geschäft leben, also Ihre Produkte oder Dienstleistungen an Unternehmen oder die öffentliche Hand verkaufen, so gilt das genauso, denn Ihre Kunden sind dann auch bald zahlungsunfähig! 

Die Folge: Kaum jemand verfügt mehr über Kapital, das angespart werden könnte - hohe Zinsen helfen in diesem Fall also nicht wirklich.

Und nicht zu vergessen: Für die Kreditfinanzierung Ihres Unternehmens oder Ihrer Immobilie sind niedrige Zinsen durchaus positiv.

Hier ein kleines Beispiel:

Effektivzins 1% 4%
Kreditsumme 500.000 € 500.000 €
monatliche Rate 3.000 € 3.000 €
bezahlt in .. Jahren 14,95 20,11
Zinskosten gesamt 38.300 € 224.053 €


Mit hohen Zinsen bekämpft man mehr, als nur die Inflation

Wenn Sie hohe Zinsen für Ihr Erspartes bekommen, dann ist das für uns alle schlecht!

Denn warum sollten Sie dann überhaupt Aktien kaufen, oder sogar so verrückt sein in irgendwelche Garagenfirmen zu investieren, die Software entwickeln, Bücher verschicken, Suchmaschinen programmieren oder irgendwelche sozialen Netzwerke bauen?

Wie schlecht es für unsere Volkswirtschaft ist, wenn Ihre Risikoscheue auch noch belohnt wird (das ist natürlich alles nicht persönlich gemeint), sieht man daran, dass allein das Risikoinvestment Apple heute mehr Wert ist, als alle DAX-Unternehmen zusammen. Und es gibt ja auch noch ein Microsoft, Amazon, Google, Facebook oder Tesla...

Ein weiteres Problem - gerade für uns in Deutschland - ist, dass hohe Zinsen uns Exporte kosten.

Je höher die Zinsen des Euros im Vergleich zu anderen Währungen sind, desto teurer wird unsere Währung (Änderung Wechselkurs). Damit steigen die Kosten für einen Konsumenten (z.B. in den USA), der ein deutsches Produkt kaufen möchte. Die Folge: Er kauft es anderswo. 

Dass wir im Gegenzug auch unsere Rohstoffe günstiger einkaufen können, tröstet eher weniger über einen massiven Exportüberschuss hinweg.

Übrigens: Die Weltwirtschaftskrise (Depression) in den 1920er und 1930er Jahren mit Massenarbeitslosigkeit und Weltkrieg im Gepäck waren keine Folge von Inflation, sondern die Folge einer Deflation - also dem genauen Gegenteil!

 

Balance ist entscheidend

Fassen wir kurz zusammen: Vermeidung von (hoher) Inflation und Vermeidung einer (existentiellen) Wirtschaftskrise (Deflation, Depression) sind gleichwertige Ziele. Den alleinigen Fokus auf nur eines dieser Ziele kann niemand von uns wollen.

Die Frage lautet nun, warum diese Balance so gestört ist.

 

3 Ursachen für die Schieflage

Es gibt natürliche viele verschiedene Ursachen, die hier zusammenspielen - ein paar Schwerpunkte gibt es aber natürlich trotzdem:

 

Finanzkrise 2008

"Dank" der Unfähigkeit & Gier vieler Banken auf der einen Seite und der hohen kriminellen Energie & Gier einiger Banken auf der anderen Seite stand das weltweite Finanzsystem 2008 kurz vor dem Kollaps.

Um zu verhindern, dass in der Folge unser gesamtes Wirtschaftssystem - welches von der Liquiditätsversorgung und den Transaktionsdienstleistungen der Banken abhängig ist, ganz zu schweigen von den Einlagen, die bei einem Bankenkonkurs verloren wären - zusammenbricht, wurde massiv interveniert.

Wer diese Einschätzung übertrieben findet, dem empfehlen wir die Doku - Die Jahrhundertpleite - der ARD.

Die Intervention bestand in Garantien - man denke an Erklärungen der Kanzlerin zur unbegrenzten Einlagengarantie - und in der Flutung des Marktes mit billigem (also zinsgünstigem) Geld.

Und das in dramatischen Dimensionen: So sank der Leitzins der EZB vom Juli 2008 mit 4,25% bis zum Mai 2009 auf 1%! 

 

Staatsverschuldung

Der zweite Grund ist die hohe Staatsverschuldung der Euro-Staaten. Wer sich einen Eindruck verschaffen möchte, dem empfehlen wir die Euro Schuldenuhr. Hier sind Sie immer aktuell.

Da die meisten Staaten nach den ursprünglichen Euro-Regeln völlig überschuldet sind - selbst Deutschland reißt die Kriterien - versucht die EZB mit dem Ankauf der Schulden dieser Länder zum Niedrigzins den Kollaps der Staatsfinanzen zu verhindern. Wir reden hier übrigens von der Zeit vor Corona!

Ein normaler Investor würde sonst beispielsweise kaum eine italienische Staatsanleihe kaufen, die nur 0,6% Zinsen bringt und mit einem normalen Ausfallrisiko behaftet ist. Das Land hat immerhin 2,4 Billionen € Schulden (sieht ausgeschrieben übrigens so aus: 2.400.000.000.000 €).

Wenn Italien hierfür auch nur 2% Zinsen zahlen müsste, wären das 48 Mrd. € pro Jahr. Italien macht aber bereits Schulden, um nur seine normalen Ausgaben zu finanzieren.

Die Zinsen kämen oben drauf, würden somit also die Schulden zusätzlich erhöhen und damit auch die Zinsen - ein endloser Kreislauf! 

 

Generelle Wirtschaftsschwäche im Euro-Raum

Die dritte Säule der Zinsmisere ist Europas Wirtschaft - präziser die Wirtschaft der im Euro vereinigten Länder (Norwegen, Großbritannien oder die Schweiz gehören z.B. nicht zum Euro-Raum).

Die Wirtschaft Europas schwächelt seit längerem deutlich. Hier zeigt sich vor allem die fehlende Innovations- und Durchsetzungskraft der gemeinsamen Interessen gegenüber anderen Wirtschaftsräumen, wie den USA und China.

Wie erschreckend schwach diese wirklich ist - und das obwohl die deutsche Wirtschaft lange relativ stark war - zeigt ein Vergleich des Eurostoxx 50, der die 50 größten Unternehmen des Euro-Raums bündelt, mit Amerika (Dow Jones) oder der Wirtschaft aller Industrieländer (MSCI World):

 

  2010-2020 2007-2020
Eurostoxx 50   +17,72% -15,05%
Dow Jones +189,18% +130,73%
DAX +126,82% +105,34%
MSCI World +130,22% +81,32%

 

Während sich die Wirtschaft nach der Finanzkrise ab 2010 anderswo also deutlich erholt hat und teilweise auch deutlich gewachsen ist, hat sich die Wirtschaft im Euro-Raum kaum entwickelt.

Vergleicht man die Werte von Ende 2020  mit denen vor der Finanzkrise, so hat der Euro-Raum sogar ein Minus geschafft!  Auch wenn der Eurostoxx 50 natürlich nicht die ganze Wirtschaft repräsentiert, einen klaren Trend gibt er schon wieder - und der ist nicht gut.

Die EZB versucht dagegen anzugehen, indem sie die Zinsen soweit ins Minus drückt, dass die Banken praktisch gezwungen werden, das Geld in die Wirtschaft zu investieren. Gleichzeitig verschafft das den Unternehmen im Euroraum Kostenvorteile, da sie kaum Geld für Zinsen aufwenden müssen.

Und es ist sicher nicht sonderlich spekulativ zu sagen, dass die EZB auch darauf hofft, dass auch Privatanleger dann lieber in Firmengründungen investieren, als ihr Geld von der Inflation "fressen" zu lassen.

Leider haben all diese Schritte bisher aber zu keiner Verbesserung geführt.

 

Und wie geht es jetzt weiter?

Die EZB liegt - wie Odysseus eingeklemmt zwischen Scylla und Charybdis - also zwischen zwei ähnlich  schlechten Möglichkeiten, ohne die Chance dem Problem auszuweichen.

Die Pandemie hat die beschriebenen Probleme natürlich noch einmal deutlich verschärft. Ausfallende Steuern auf der einen Seite, kombiniert mit erhöhten Ausgaben für die Pandemiebekämpfung auf der anderen, erhöhen die Verschuldung deutlich. 

Zinsen erhöhen würgt die Wirtschaft endgültig ab und einfach alles wie gehabt weiter laufen zu lassen, gefährdet die Geldwertstabilität! Also was kann man in Zukunft erwarten?

 

Zinsen werden nur im Notfall (deutlich) steigen

Trotz aller Unwägbarkeiten wagen wir eine Prognose, denn es gibt eigentlich gar nicht so viele Möglichkeiten:

Theoretisch wäre es für Wirtschaft und Staatsverschuldung (wenn auch keinesfalls für uns Sparer!) das Beste, ein paar Jahre 4 - 6% Inflation in Kauf zu nehmen. 

Das würde dafür sorgen, dass die Staatschulden  zumindest teilweise quasi durch die Hintertür schwinden würden (20 - 30% Entwertung der Schulden in 4 - 5 Jahren). Gleichzeitig besteht die Hoffnung, dass mit der Inflation auch endlich die Konjunktur im Euro-Raum anzieht. Das erhöht die Steuereinnahmen und senkt gleichzeitig Sozialausgaben, z.B. für Arbeitslosen- und Sozialhilfe.

Mit halbwegs stabilen Staatshaushalten könnten die Zinsen dann stückweise wieder angehoben werden, um die Inflation erneut auf 2 - 2,5% p.a. zu verringern, ohne die Wirtschaft dabei komplett abzumurksen.

Auch, wenn es sich hierbei um einen Blick in die Glaskugel handelt - es besteht durchaus eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass es auch so oder ähnlich kommen wird.

Danach würde die EZB natürlich zunächst beobachten, wie sich die Kennzahlen - vor allem die Inflation - entwickeln und nur im äußersten Notfall die Zinsen erhöhen, und das dann auch so moderat wie möglich.

 

Welche Störfaktoren gibt es bei diesem Szenario?

Die wichtigsten sind unserer Meinung nach Politiker im Wahlkampf, sowie ein möglicher Vertrauensverlust. 

Eine Entwertung der Staatschulden durch Inflation macht nur dann Sinn, wenn die jeweiligen Regierungen den so gewonnenen Freiraum nicht gleich wieder nutzen, um neue Schulden zu machen. Das geschieht vor allem in Wahlkampfperioden gern, um bestimmte Wählergruppen gegenüber der eigenen Partei oder Person positiv zu stimmen.

Die zweite große Gefahr ist ein massiver Vertrauensverlust in den Euro. Hier besteht die reale Gefahr, dass die EZB den Zeitpunkt falsch einschätzt, an dem sie einer Inflation gegensteuern muss. Hier könnte es einem drastischen Wendepunktpunkt kommen, weil immer mehr Leute aufgrund von Preissteigerungen versuchen, schnellstmöglich ihr Geld in Waren umzutauschen und damit die Inflation weiter anheizen. Das würde wiederum dazu führen, dass noch mehr Menschen versuchen würden, ihr Geld in Waren zu tauschen, und so weiter...

Verpasst man diesen Wendepunkt, kann die weitere Entwicklung nicht mehr aktiv gesteuert werden (hierbei handelt es sich natürlich um ein Extremszenario).

 

Fazit

Berücksichtigt man die wichtigsten Faktoren, die einer Zinsentscheidung durch die EZB zu Grunde liegen, ist mit einer baldigen Zinsanhebung auf ein für Sparer attraktives Niveau die kommenden Jahre nicht zu rechnen.

Unter Umständen werden zwischenzeitlich ein paar kleine Schritte gegangen, die zumindest zur Aufhebung der Strafzinsen führen. Eine echte Anhebung dieser wird es jedoch voraussichtlich nur bei einer durch die EZB als gefährlich eingeschätzten Inflationsentwicklung geben.

Maik Miehe

Maik Miehe, Vorstand der DIOMEDEA AG. Seit 30 Jahren Berater für betriebliche Versorgungssysteme sowohl für kleine und mittlere Unternehmen als auch für Konzerne und Versicherungen. Dozent für Finanzierung von Pensionssystemen an der FH Koblenz.

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